LHW DHW Lehrlingswohnheim Rodleben

So verlief unser Ankunftstag im Lehrlingswohnheim LWH des DHW Rodleben.

Die Fahrt in ein neues Leben? Einen neuen Abschnitt? Was würde uns hier erwarten? Wir gingen alle mit unseren Taschen die Treppe hoch auf unser Zimmer und machten die Tür auf. Schock…!!!! Ein Raum etwa 5 m lang und 4 m breit, mit drei Doppelstockbetten, vier Schränken, einem Tisch und sechs Stühlen. Wo waren wir denn gelandet?

Im Jugendwerkhof? „Vielleicht haben wir Glück und bleiben alleine“, sagte Bobby. Alle standen etwas hilflos und betröppelt da. Um der unangenehmen Situation zu entkommen, verabschiedeten sich unsere Väter. Sehnsüchtig schauten wir dem Trabbi hinterher, mit dem wir gekommen waren. Verraten und verkauft…dachte ich nur.

Und von hübschen Mädchen war bisher auch nicht viel zu sehen. „So ein Mist“, sagte Bobby. „Rauchen können wir auch nicht. „Ein Aschenbecher ist auch nicht da“ meinte er. Und die Betten sind auch noch nicht bezogen.“

Wir machten erstmal eine Flasche Wein auf und nahmen ein paar kräftige Züge. So ließ sich das Drama besser ertragen. Dann packten wir die Taschen aus. Als ich den Schrank öffnete um alles rein zu räumen, lag darin eine Gasmaske. Was soll denn das? Ich schmiß das Ding ins unterste Fach zu den Schuhen und fertig. Wir waren noch nicht ganz fertig, da ging die Tür auf und ein artig gekleidetes Bürschchen mit seinen Eltern, scheinbar feine Leute, kamen herrein.

Mutti räumte seine Sachen in einen Schrank. Vati nahm ihn in den Arm und sagte, dass er schon am Freitag wieder nach Hause darf. Dann gab es noch von Vati und Mutti einen Kuss auf die Wange und dann gingen auch seine Eltern. Das erinnerte mich irgendwie an Detlef aus Neu Canow (zu lesen im Buch).

Das Bürschchen stand ziemlich verlassen und dumm in der Gegend rum. Ich schaute auf die Uhr und sagte, lasst uns den Speisesaal suchen. Den Speisesaal fanden wir recht leicht. Es waren ja überall Zettel mit einem Hinweispfeil an die Wand geklebt.

Dort angekommen staunten wir nicht schlecht. Da waren weit über 100 Leute. Alle mit
dem gleichen langen Gesicht. Wir setzten uns in eine der Stuhlreihen. Die Begrüßung war nun fällig. Der dicke Mann, der uns in Empfang genommen hatte, bat lautstark um Ruhe. Er begrüßte uns im Lehrlingswohnheim des VEB DHW Rodleben. Na dann sind wir wohl doch richtig… dachte ich.

Wir erfuhren, dass es an diesem Tag um 19.00 Uhr, in jedem Gruppenraum, eine große Belehrung und Einweisung geben wird. Das ganze Prozedere zog sich wie ein Kaugummi. Und der wurde noch länger durch die ganzen Regeln, die nun auf uns hernieder gingen. Und die prasselten wie Keulenhiebe auf uns ein.

  • Keine Mädchen auf dem Zimmer
  • kein Alkohol
  • kein privates Radio

und rauchen nur am Hinterausgang.

Wo sind wir hier hin gekommen? Jugendknast?

„Jetzt“, sagte der dicke Mann, der sich als Herr Klein vorgestellt hatte, „gebe ich euch eure Bettwäsche. Dann bezieht ihr euren Betten und ab 17.30 Uhr gibt es hier Abendbrot.“ Das Bettzeug stank stark nach Chemie. Wir waren ruck zuck fertig und wollten noch ein bisschen quatschen.

Da ging die Tür auf und herrein kam ein kleiner, korrekt gekleideter Mann im grauen Anzug und roter Krawatte. Und als Krönung noch eine 70 – er Jahre Vierkantbrille auf der Nase. Er stellte sich als Herr Ginther, unser Erzieher, vor. Er erinnerte uns, um 19.00 Uhr im Gruppenraum zu erscheinen und erklärte uns auch gleich wo der ist. Und auch wo die Toiletten für uns sind. Als er unsere gemachten Betten sah, verzog sich sein Gesicht. Er zeigte er uns, wie diese gemacht werden sollten. Die Ordnung und Sauberkeit würden jeden Morgen bewertet werden. Dann verabschiedete er sich.

„Ach du Scheiße“, sagte ich. „Was ist denn hier nur los?“ Bobby und ich mußten unbedingt eine rauchen gehen. Er fragte das Bürschchen, ob er mitkommen wolle. „Nein, ich rauche nicht und trinke auch keinen Alkohol“, sagte der. Auch das noch! Eine Memme, ein Muttersöhnchen, und das auf unserem Zimmer. Es wurde immer besser.

Vor der Zigarette noch schnell aufs Klo. Bei dem langen Weg durfte man es nicht eilig haben. Dann ging es zum Hinterausgang. Da waren schon etliche Typen. „Na, auch welche von den Glatten?“, wurden wir gefragt.

Ich sagte: „Ja“, und versuchte zu lächeln. Nun bekamen wir ein Schulterklopfen und ein mitleidiges Lächeln. „Wartet ab, die besten Sachen bekommt ihr heute Abend zu hören.“ Was? Noch schlimmer? Und morgen b.z.w. nächsten Montag erst. Wartet ab! Dann stellten sich drei Typen vor uns hin und sagten ein kleines Gedicht auf, welches mir und allen anwesenden Glatten bis heute im Gedächtnis hängen blieb.

Kennst Du das Nest, wo nie die Sonne lacht?
Wo man aus Menschen Idioten macht?
Wo man 30 Minuten zum Bahnhof rennt?
Wo man neben Giftgas pennt?
Das ist die wahre Tugend.
Das ist Rodleben, Grab meiner Jugend.

Das war heftig. „So schlimm“, fragte ich. „Noch schlimmer“, kam lachend die Antwort. „Wenn ihr zum Abendbrot geht, vergesst euer Brettchen nicht. Und ein scharfes Messer.“ Wir gingen wieder auf unser Zimmer.

Das Bürschchen saß am Tisch und starrte Löcher in die Tapete. Nun stellten wir uns vor. Er hieß Ullrich. Wir nannten ihn Ulli, obwohl ihm das nicht gefiel. Aber daran musste er sich gewöhnen, wie an viele andere Sachen auch. „Zeit zum Abendessen“, sagte ich und
schnappte mein Brettchen, die Tasse und mein Messer. Ulli nahm gleich seine ganze Bestecktasche mit. Im Speisesaal peilten wir erstmal die Lage.

Dann legten wir unser Zeug auf einen Tisch und stellten uns an der Essenausgabe an. Zu trinken gab es nur noch Tee, der von den Älteren als Hängolintee bezeichnet wurde. Er schmeckte noch schlimmer, als er roch. Das Brot, das es gab, war so trocken, dass es sich schon bog. Aber, wir konnten essen und trinken was und so viel wir wollten.

An einem Waschbecken wuschen wir unser Geschirr ab und gingen wieder auf unser Zimmer. Dort tranken wir den Rest Wein. Die anderen Flaschen versteckte ich vorsorglich im Konvektor. Kaum war das vollbracht, kamen, ohne anzuklopfen, vier Leute in unser Zimmer. Zimmerkontrolle. Und schon durchsuchten sie unsere Schränke, Betten und Taschen.

Ulli hatte ein kleines Transistorradio in der Reisetasche. Das wurde sofort eingezogen. Er durfte es Freitag nach Feierabend wieder abholen und mit nach Hause nehmen. Ich hatte meinen Radiorecorder meinem Vater gleich wieder mitgegeben. Dann wurden wir an die Erstbelehrung um 19.00 Uhr in unserem Gruppenraum erinnert. Es war noch Zeit genug eine zu rauchen.

„Na, haben die bei euch was gefunden“, wurden wir in der Raucherecke gefragt. „Nein“, sagte ich. Andere hatten da weniger Glück. Alkohol wurde sofort ins Klo geschüttet. Radios und Tonbänder wurden eingezogen. Was war hier los? Pünktlich 19.00 Uhr fanden wir uns im Gemeinschaftsraum ein. Herr Ginther begrüßte uns mit einem strahlenden Lächeln.

Dann kam die Belehrung. Kein Alkohol im Heim. Wer mehrmals erwischt wird bekommt einen Verweis und einen Brief an den Ausbildungsbetrieb. Beim dritten Verweis fliegt man aus dem Heim. Keine Mädchen auf dem Zimmer. Wer in einer eindeutigen Situation erwischt wird, fliegt sofort aus dem Heim. Um 21.30 Uhr hatten wir auf dem Zimmer zu sein und um 22.00 Uhr war Nachtruhe.

Früh 5.30 Uhr war wecken. Jeden Donnerstag war das Zimmer zu wischen, zu bohnern und zu keulen. Dienstag und Donnerstag war in der Zeit von 19.00 – 21.00 Uhr Lernstunde. Da hatte jeder auf seinem Zimmer oder im Gemeinschaftsraum zu
sein und zu lernen. Jeden Morgen Betten machen, Zimmer sauber und aufgeräumt hinterlassen. Dies wurde mit 0 – 10 Punkten bewertet.

Das beste und das schlechteste Zimmer würde jeden Monat an der Wandzeitung bekannt gegeben. Rauchen nur draussen. Kein Essen auf dem Zimmer. Danach wurde noch das Verhalten bei Alarm und und die Stellplätze bekannt gegeben. Herr Ginther schaute zufrieden in die Runde und in 35 lange Gesichter. Dann wande er sich an Ulli, Bobby und mich.

Da wir auf der Mädchenetage wohnten, werde man ein besonders wachsames Auge auf uns haben. Eigentlich sollten wir zu fünft auf dem Zimmer sein. Die anderen zwei Lehrlinge waren vor uns da und sind gleich wieder abgereist. Die wollten lieber jeden Tag mit dem Motorrad zur Lehre kommen. Er könne nicht verstehen warum. Die anderen 35 Leute im Raum konnten die voll verstehen.

Nun sagte Herr Ginther noch jedem in welcher Klasse er war und ob er am nächsten Tag Theorie oder Praxis hatte. Wir hatten Glück. Ulli, Bobby und ich waren zusammen in einer Klasse und hatten am nächsten Tag Praxis. Beginn 6.30 Uhr und Ende 16.00 Uhr. Wir mussten gleich in Arbeitssachen erscheinen. Von den anderen waren noch vier Mann in unserer Klasse.

Der Rest war eine reine Heimklasse. Wir unterschrieben, dass wir belehrt wurden waren und verließen sehr frustriert den Raum. Auf dem Zimmer angekommen ließ ich meinem Ärger freien Lauf. Bobby beruhigte mich. Wir nahmen uns mein Kursbuch und versuchten eine Zugverbindung raus zu bekommen, wo wir jeden Tag an- und abreisen konnten. Doch da gab es nichts. Wir wären jeden Tag zwei Stunden zu spät gekommen. „So ein Mist, wir sind gefangen. Hier kommen wir erst in zwei Jahren wieder weg.

Komm wir gehen eine rauchen“, sagte ich. Ulli fragte nach meinem Kursbuch und ich gab es ihm. Unten angekommen gab es großes Gelächter vom 2. Lehrjahr. Jeder hatte irgendeine Horrorgeschichte vom Heim, der Lehrwerkstatt, der Berufsschule oder der GST zu erzählen. Unsere Laune besserte sich dadurch wirklich nicht und wir gingen wieder auf unser Zimmer. Dort fanden wir einen recht gefrusteten Ulli vor. Der wollte auch nur noch weg. Er konnte auch nicht.

Jetzt stellten wir uns erstmal richtig vor und erzählten etwas von uns selbst. Dann legten wir die Sachen für den nächsten Tag bereit und gingen ins Bett. Kaum lagen wir, kam Herr Ginther herein um uns gute Nacht zu wünschen. Er ermahnte uns, die Gasmaske immer griffbereit neben dem Bett zu haben. Mit einem mulmigen Gefühl schlief ich ein.

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